15.10.2009 - Ausgabe 10/2009 - von Mag. Christof Mergl
Integrale Planung scheint das Stichwort zu sein, um das in den kommenden Jahren niemand mehr herumkommen wird, der sich einer zielgerichteten Bauplanung verschrieben hat. Im Rahmen der Fachtagung „future buildings tirol 2009“ wurde erneut auf die Bedeutung des modernen Ansatzes hingewiesen.
Energieeffizientes Bauen wird zum Standard der Zukunft. Dieser Trend verdeutlicht sich unter anderem in der Tatsache, dass das Europäische Parlament bei allen Neubauten ab 2011 den Passivhausstandard fordert. Aber auch zahllose, energietechnisch sanierungsbedürftige Bauten aus den Jahren 1945 bis 1980 gilt es - früher oder später - mit hehren Klimaschutzzielen in Einklang zu bringen. Darin verbirgt sich hohes wirtschaftliches Potential, das sich heimische Bauunternehmen nicht entgehen lassen wollen. Kooperation im Cluster Erneuerbare Energien Tirol der Tiroler Zukunftsstiftung präsentiert sich als ein Schlüssel zum Erfolg. Das Netzwerk von Tiroler Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Institutionen hat sich schwerpunktmäßig bis 2010 dem Trend der dezentralen Systeme der Energieversorgung verschrieben. Im Mittelpunkt der aktuellen „future buildings tirol 2009“ stand zuletzt aber vor allem der zukunftsweisende strategische Ansatz der „integralen Planung“. Hinter dem geflügelten Fachbegriff verbirgt sich der komplexe Ansatz, Bauplanung von Beginn an energieeffizient, strukturierter und kostengünstiger zu gestalten. So weit in aller Kürze.
Altbekannte Probleme vermeiden. Die Problemstellungen im Zuge herkömmlicher Planung sind oft die selben. Der Architekt entwirft den eigentlichen Bauplan, der Bauherr gibt sein „OK“ und die einzelnen Fachleute - vom Elektrotechniker-Planer, Bauphysiker bis zum Installationstechniker - ergänzen den Planungsfortschritt mit ihren Fachmaterien, was unvorhergesehene Planungsänderungen nach sich zieht, die sich im Konstruktionsalltag vermeintlich nicht vermeiden lassen. Die Folgen sind suboptimale Lösungen, eventuell längere Bauzeiten und steigende Kosten in der Realisation und im Betrieb, im Endeffekt zu Ungunsten des Auftraggebers.
Integrale Planung als Prinzip erhebt wohl zu Recht den Anspruch, diese üblichen Widrigkeiten von vornherein zu vermeiden, indem schon in der frühestmöglichen Planungsphase sämtliche Beteiligten - im besten Fall auch das spätere „facility management“ - in die Konzeption des Bauvorhabens integriert werden. Intensive Kommunikation und eine gezielte Auseinandersetzung mit dem geplanten Bauwerk gelten dabei als unabdingbare Voraussetzung - neben der scheinbar simplen Bedingung, dass der Bauherr selbst eine konkrete Vorstellung davon hat, was er in seinem nachhaltigen und energieeffizienten Endprodukt umgesetzt sehen möchte. Leider keine Selbstverständlichkeit, wie Prof. (FH) Dr. Ing. Tobias Schrag, Professor für Gebäudemanagement und -Technik an der Fachhochschule Kufstein, immer wieder feststellt: „Man muss im Vorfeld ganz klar erheben, was der Kunde bzw. der Endverbraucher eigentlich will und benötigt. Das ist oft nicht gegeben und das zieht dann die entsprechenden Schwierigkeiten nach sich.“
Zusätzlich erschwert wird dieses Grundproblem heute durch die Tatsache, dass die Gebäude selbst immer komplexer und technisch aufwendiger werden. Vor allem die Implementierung der immer komlexeren technischen Gebäudeausrüstung erfordert ein Plus an intensiver Planung und Bauvorbereitung, wenn das architektonische Endprodukt zeitgerecht und vor allem in der gewünschten Qualität fertiggestellt werden soll.
Kurze Planungsphase. Die steigende Technologisierung der Gebäude ist nur ein aktuelles Wesensmerkmal des Baugewerbes, weniger Zeit für die eigentliche Konzeption ein weiteres. „Momentan haben wir den Trend einer immer kürzer werdenden Planungsphase. Das wird noch zunehmen. Unter immer größerem Zeitdruck sollen aber immer komplexere Produkte erzeugt werden und das ist durchaus problematisch“, befindet Schrag, der das Problem im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen und mangelhafter Kommunikation verortet: „Wenn sich die einzelnen Fachleute in der Bauphase immer wieder austauschen und absprechen müssen, so ist das ja oft ein Rückschritt in die eigentliche Planungsphase und das kostet bei steigendem Druck viel Zeit und in extremis viel Geld.“ Schrag verweist allerdings auch auf Tiroler Beispiele, wo integrale Planung konsequent umgesetzt wurde und zu entsprechend guten Ergebnissen geführt hat: „Beim Neubau des Tiroler Landhauses 2 hat die Berücksichtigung von integraler Planung sehr gut funktioniert. Man hatte dort von Anfang an ein interdisziplinäres Team, das an der Planung aktiv mit gestaltet und sich eingebracht hat. Das Ergebnis spricht jedenfalls für sich.“
Im Alltag bewährt. Tatsächlich finden sich noch weitere Beispiele dafür, dass die Idee der integralen Planung vorzeigbare Ergebnisse liefert. Die Fachplaner vom Ingenieurbüro Moser & Partner aus Absam konnten gemeinsam mit dem Architekturbüro Zechner & Zechner den EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerb für den Neubau der ÖBB-Konzernzentrale in Wien für sich entscheiden. Moser & Partner sind dabei für die energietechnische Optimierung des Gebäudes zuständig: Solarenergie, Wärmerückgewinnung, Niedertemperatursysteme in den Heizungsanlagen und die effektive Nutzung der Umgebungswärme sind nur einige der zentralen Säulen, auf denen die energieeffiziente Konzeption des Ingenieurbüros aufbaut. Auch auf die Ausarbeitung der Firmenzentrale eines Holzbauunternehmens in Imst können Moser & Parnter stolz verweisen. Das im Niedrigenergiehaus-Standard errichtete Gebäude hat einen Heizwärmebedarf von circa 40 Kilowattstunden (pro Quadratmeter/Jahr) und wurde von Anfang an integral konzipiert. Ing. Ingmar Wasserer, Gebäudetechniker bei Moser & Partner, ist von der zukünftigen Dominanz der integralen Planung überzeugt. „Gerade weil die Gebäude technisch immer komplexer werden, wird man um diese Strategie nicht herumkommen. Je früher sich alle Beteiligten koordinieren, desto billiger kann anschließend umgesetzt werden - das spart Invest- und Betriebskosten.“ Bei allen augenscheinlichen Vorteilen des Konzeptes - wo liegen die Nachteile? „Es gibt keine, nur eine Bedingung: Die Fähigkeit aller Beteiligter, unter der ‚Regie‘ des Architekten im Team bestmöglich zusammenzuarbeiten und flexibel und in Alternativen zu denken“, befindet Wasserer. „Es gibt aber klare Vorteile wie z.B. keine Überraschungen in der Planung und genauere Übersicht über die Investkosten. Zusätzlich kann man vom effizienteren facility management und niedrigeren Betriebskosten bis hin zu einer höheren Wertstabilität des Gebäudes profitieren. Aber wie gesagt: das Zusammenspiel der einzelnen Akteure in der integralen Planung muss funktionieren. Wenn jeder Fachplaner seine eigenen Vorstellungen umsetzen will und man eher gegeneinander arbeitet, wird eine effiziente Umsetzung schwer.“ Damit zu viele Köche den Brei nicht verderben, sieht Wasserer die Lösung dieses Problems pragmatisch. „Sowohl Architekt als auch Bauherr sind als Regiesseure gefordert. Diese Aufgabe werden sie vermehrt wahrnehmen müssen, um mit konkreten Vorstellungen zwischen den einzelnen Akteuren zu koordinieren. Nur dann kann integrale Planung optimal funktionieren.“