15.02.2010 - Ausgabe 1/2010 - von Mag. Oliver Pohl
Dass Jürgen Bodenseer das Wahlergebnis von 2005 für den Wirtschaftsbund wiederholen kann, scheint eigentlich unmöglich. Um Stimmen buhlen nicht nur Wirtschaftsvertreter anderer politischer Richtungen, sondern auch Namenslisten, die mit der Kammerführung unzufrieden sind.
Der Neujahresempfang der Wirtschaftskammer für die Bezirke Innsbruck Stadt und Land im Igler Congresspark Anfang des Jahres ließ keine Zweifel aufkommen: Es stehen wieder Wahlen an. Und Forderungen gibt es genug, wie die Bezirksobleute Ing. Anton Eberl (Innsbruck Stadt) und Ing. Hermann Jenewein (Innsbruck Land) den mehreren hundert erschienenen Mitgliedern klar machten. Manches davon war neu, manches schon seit Jahren auf der Wunschagenda der Wirtschaftsvertreter. Grundtenor der Ansprachen: „Wir brauchen auch in Zukunft vernünftige Rahmenbedingungen und zusätzlich Impulse.“
Dass es dafür nicht an Unterstützung fehlen würde, versprach an diesem Abend Wirtschaftslandesrätin Patritia Zoller-Frischauf genauso wie Wirtschaftskammerpräsident Dr. Jürgen Bodenseer. Wobei der Kammerchef unmissverständlich die Wahlkampftrommel rührte, aber nicht für die eigene Fraktion, den Wirtschaftsbund, sondern für die Wahlbeteiligung. Diese wird – egal wie die Wahl ausgeht – entscheidend für das politische Gewicht der Interessensvertretung der Unternehmer im Land sein. Um möglichst viele zum Urnengang zu mobilisieren, scheut die Kammer derzeit weder Kosten noch Mühen. Und auch der Präsident selbst nicht, der in der Warteschleife der kammereigenen Telefonanlage von lautem Motorengeheul begleitet selbst den Text spricht: „Darf ich Sie an die Wirtschaftskammerwahl am 1. und 2. März erinnern – für einen starken Wirtschaftsmotor in Tirol.“
Opposition selbst geschaffen. Auf ganz persönliche Ansprache setzt auch der
eigens produzierte Kinospot, der beim Neujahrstreffen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Auch in diesem ruft der Präsident die im Kinosaal anwesenden Unternehmer auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Nicht ohne Grund, denn 2005 nahmen nur mehr 42 Prozent der Mitglieder ihr Wahlrecht wahr, nachdem fünf Jahre zuvor immerhin noch 51,2 Prozent dem Ruf zu den Wahllokalen gefolgt waren. Damit fiel die Wahlbeteiligung beinahe auf das Niveau der immer wieder belächelten Österreichischen Hochschülerschaft, der Interessensvertretung der Studenten. Egal ob WK oder ÖH, eine hohe Wahlbeteiligung hilft erfahrungsgemäß der regierenden Fraktion mehr als der Opposition.
Wenn auch das Wahlergebnis von 2005 in eine andere Richtung weist. Damals stimmten in Tirol 82,6 Prozent für den ÖVP Wirtschaftsbund, was einem überraschend starken Plus von 7,2 Prozent und damit der Auszeichnung der Leistungen von Alt-Präsidenten Hansjörg Jäger entsprach. Hilfreich kam hinzu, dass die blauen RFWler seinerzeit durch interne Streitigkeiten einen Totalabsturz erlitten, und von 16,2 Prozent auf 5,7 Prozent fielen. Und damit nur mehr unwesentlich mehr Zuspruch ernteten als der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband, der es auf 4,5 Prozent (- 2 Prozent) brachte. Was auch nicht verwunderte, weil das Wahlangebot 2005 bunter geworden war. Die erstmals kandidierenden Grünen schafften aus dem Stand 3,2 Prozent.
Die kommunistisch anmutende Übermacht des WB dokumentieren seit der letzten Wahl 916 Mandate im Vergleich zu 40 des RFW, 28 des SWV und 24 der Grünen. Namenslisten errangen 13 Mandate, während die Liste Industrie ohne Konkurrenz alle 55 Mandate auf sich vereinigte. Zumindest an Letzterem wird sich auch diesmal nichts ändern.
Ansonsten bläst dem Wirtschaftsbund schon bedeutend mehr Oppositionsluft entgegen als früher. Wobei die Situation in der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation nicht die einzige Baustelle zu sein scheint, die Stimmen kosten wird. Bei den Werbern buhlen eigentlich gleich zwei „Wirtschaftsbundlisten“ um die Wähler, wobei derjenigen mit der geringeren Anzahl von Unterstützungserklärungen trotz anders lautender Vereinbarungen der Vorzug eingeräumt wurde. Dem bisherigen Obmann Hannes Handle wurde der Alt-Obmann von vor einigen Jahren, Bernd Dresen, vor die Nase gesetzt. Grund dafür dürfte sein, dass es Handle im Innsbrucker Wirtschaftsparlament wagte, offen Kritik an Präsident Bodenseer zu üben, weil ihm wie anderen Kollegen sauer aufstieß, dass sich die Kammerführung in die Arbeit der Fachgruppe immer stärker einmischte.
Eine gänzlich andere Motivation dürfte dagegen die kandidierden Kritiker unter den Berufskollegen bewegen. So konnten sich einige offensichtlich nicht damit anfreunden, dass der Tirolissimo von der dafür neu gegründeten ARGE unter dem Beifall der Werber umstrukturiert wurde und mit alten Traditionen brach, die den Werbepreis wegen angeblicher Bevorzugungen der Organisatoren jahrelang in Verruf gebracht hatten. Dem neuen Tirolissimo-Team kann das nicht vorgeworfen werden, weil die Agenturchefs von sich aus erklärten, keine eigenen Arbeiten einzureichen und sich daran auch hielten.