Laut ihren eigenen Statuten zielt die Gewerkschaft darauf ab, in Österreich wieder die Vollbeschäftigung herzustellen. Doch was die Arbeitnehmer derzeit treiben, lässt eher vermuten, dass sie genau das Gegenteil verfolgen. wia mit einer Momentaufnahme des Druckereigewerbes.
Erst wenn wir sie vertrieben haben, dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass! So lautet die letzte Zeile der dritten Strophe der Internationalen, dem weltweit am weitestverbreiteten Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Der Hintergrund und die Stoßrichtung des Liedes sind bekannt: Die Arbeitgeber sollten zumindest in die Schranken gewiesen, wenn nicht bestenfalls vertrieben werden und das Kapital, laut sozialistischer Kampfromantik, unter den Arbeitnehmern verteilt werden. Kurz, die Arbeitnehmer sollen den Platz an der Sonne erkämpfen.
Doch anstatt den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel musikalisch zu umrahmen, scheint die Internationale immer mehr zur Persiflage der gewerkschaftlichen Arbeit zu verkommen: Am Beispiel des Druckereigewerbes zeigt sich dies eindrucksvoll, denn die Politik der Gewerkschaft hat nicht nur zum Abbruch der Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geführt, sondern hat auch bewirkt, dass die Situation der Arbeitnehmer zusehends prekärer wird. Anstelle sozialer Verbesserungen und vor allem der Wiedererlangung der Vollbeschäftigung werden die Arbeitnehmer an den Rand des Arbeitsplatzverlusts getrieben. Selten war die Lage so eindeutig.
Strukturkonservative Politik. Strukturkonservativ bedeutet, die vorherrschende Systemordnung zu bewahren – Strukturkonservativ ist ein Begriff der auf die gewerkschaftliche Arbeit angewendet werden kann, zumindest wenn man in das letzte Jahrtausend zurückgeht.
Die Gewerkschaft des 21. Jahrhunderts scheint eine Politik zu verfolgen, die an ihre Gründerzeit erinnert. Vor 167 Jahren wurde die Gewerkschaft Druck unter dem Namen „Unterstützungsverein für erkrankte Buchdrucker und Schriftgiesser“ gegründet. Ein Ansinnen das mehr als lobenswert war und bis heute gewürdigt wird. „Die gewerkschaftliche Arbeit und die Rechte, die man für die Arbeitnehmer erkämpft hatte, waren zur damaligen Zeit sicher begründet. Doch die Zeiten haben sich geändert“, so Dietmar Hernegger, Gremialobmann der Fachgruppe Druck in der WK Tirol.
Fast unglaublich klingt es, das bis vor kurzem Arbeitgeber noch Zulagen mit so kuriosen Namen wie Blei-, Schnellläufer- oder Staubzulage an ihre Mitarbeiter zu entrichten hatten. Rühmt sich die Gewerkschaft ihrer Geschichte, so wird sie für die Drucker zum Klotz am Bein. Zum Klotz, der die ganze Branche in den Ruin treiben kann.
Derzeit jedenfalls befindet man sich in einer untragbaren Situation. Im Juni 2009 hatten die Arbeitgeber den Kollektivvertrag aufgekündigt. Eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte. Noch nie war eine sozialpartnerschaftliche Vereinbarung einseitig gekündigt worden. Seitdem wird verhandelt und eine Lösung scheint nicht in Sicht. Die Gewerkschaften drohen mit der Ausweitung der Streiks und bedrohen damit die Betriebe und Arbeitnehmer.
Der Rückblick. Eines der Probleme ist, dass die Fachgruppe derzeit in sich vereint, was im Grunde nicht zusammengehört bzw. nur zusammen vertreten werden kann, wenn, biblisch gesprochen, Manner von den Bäumen fällt. Ein Umstand, den die Gewerkschaft nicht erkennt.
Nach dem Krieg, die Branche erlebte einen Boom, suchten die Drucker einen eigenen Weg. Der Verband der Druck und Medientechnik wurde gegründet. Nachdem die Mehrheit der Betriebe auf freiwilliger Basis beigetreten war, wurde in den Statuten bestimmt, dass in Hinkunft der Verband und nicht wie sonst üblich die Kammer und ihre Fachverbände die Kollektivvertragsverhandlungen führt. Im Verband waren Rollen-/Zeitungsdrucker und Bogendrucker, große und kleine Unternehmen, vertreten. Die Gewerkschaft akzeptierte den Verband und verhandelte mit ihm. Und sie verhandelte gut. Zum 160 Jahr Jubiläum der Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier, meinte der damalige Zentralsekretär Gerhard Hennerbichler: „Gewerkschaftsarbeit ist ein Teil einer solidarischen Tätigkeit, eine kreative Tätigkeit. Und kreativ waren wir immer.“
Die Kreativität zeigt sich wie folgt: Die Angestellten und Arbeiter der Fachgruppe Druck genießen eine 37 Stundenwoche, erhalten von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens einen Nachtzuschlag á 50 Prozent und als besonderes Zuckerl gilt in den sozialpartnerschaftlichen Vereinbarungen, dass alle kollektivvertraglichen Erhöhungen nicht nur für die Mindest-, also die Kollektivvertragslöhne, sondern auch für die Ist-Löhne gilt. „Unabhängig davon wie weit ein Reallohn über dem Kollektiv angesiedelt ist. Die Erhöhung muss weitergegeben werden“, so Dietmar Hernegger.
In der gegenwärtigen Situation bedeutet dieser Status jedoch für die kleinen Unternehmen die Verschärfung der Krise, da sich bei den kleinen Betrieben die Lohn- und Lohnnebenkosten im Vergleich zu den Materialkosten deutlich höher niederschlagen.
Das Unverständnis. Sämtliche Versuche in den laufenden Verhandlungen eine gesonderte Lösung für die Bogendruckereien, also die mehrheitlich kleinen und mittleren Unternehmen, zu finden wurden von der Gewerkschaft blockiert. Entweder für die gesamte Branche oder Streik, lautet die Direktive. Und die Drohung wurde bereits umgesetzt: Gegenwärtig werden bereits die Unternehmen der verhandelnden Arbeitgeber in den Bundesländern auch gegen den ausdrücklichen Willen der Belegschaft bestreikt. Besonders jene Unternehmer, die angekündigt hatten, dass eine etwaige Einigung zwischen den großen Unternehmen und der Gewerkschaft nicht in der Kammer gesatzt werde, also im Grunde nichtig ist, wurden regelrecht bedroht. „Wir wurden mündlich und per Mail bedroht“, so Hernegger. „Entweder wir lenken ein oder man werde dafür sorgen, dass sich Krankenkasse und Finanzamt ganz besonders um uns kümmern“, Die Gewerkschaft, so der Unternehmer, sieht nicht ein, dass für einen Betrieb in dem die Lohnkosten zwischen 30 und 40 Prozent liegen, sich Gehaltserhöhungen dramatisch anders auswirken, als bei einem Unternehmen, das Lohnkosten von maximal 20 Prozent verzeichnet.