"Wir sind nicht dazu da, 
Nabelschau zu betreiben"
15.12.2009 - Ausgabe 12/2009 - von MMag. Monika Pichler
315 Kunstschaffende aus allen Bereichen zählt der Südtiroler Künstlerbund. wia sprach mit Präsidentin Dr. Helga von Aufschnaiter über eine außergewöhnliche Kunstsession, reichlichen Künstlernachwuchs und einer Kulturlandschaft in Südtirol, die sich nicht beklagen kann.
wia: Im Oktober machte der Südtiroler Künstlerbund mit der Kunst­session „One Night“ im Posthotel Hirsch in Spondinig von sich reden. Das historische Hotel wurde für eine Nacht zur mehrstöckigen Ateliermeile. Wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Helga von Aufschnaiter: Wir sind immer auf der Suche nach Neuem und so entstand die Idee, einmal ein Hotel zu mieten und es mit Kunst zu bespielen. Dabei fiel unsere Wahl auf das Posthotel Hirsch in Spondinig, das aus dem Jahr 1832 stammt, immer im Besitz derselben Familie war und im Krieg völlig unversehrt blieb. An der Staatsstraße gelegen, kennen es viele von außen, aber die allerwenigsten kennen sein gut erhaltenes Inneres. Das zahlreiche Publikum – aus dem Vinschgau aber auch aus Meran und Bozen – kam einerseits, um das Hotel und andererseits um die Künstler zu sehen.  Eine durchwegs gelungene Veranstaltung, von der sich auch die Inhaberfamilie begeistert gezeigt hat.

Welches Ziel verfolgte diese Kunstsession?
Ziel des Projektes war es, Hotelzimmer – also Orte, die ein Gast als privaten Raum in einem öffentlichen Gebäude nutzt, aber dennoch immer Orte der Anonymität bleiben – in individuelle Räume zu verwandeln. 21 Künstlerinnen und Künstler hatten die Möglichkeit, ein Zimmer zu „buchen“ und nach dem Check-in um 12 Uhr dann einen ganzen Nachmittag Zeit, dort ihre Installationen aufzubauen, Bilder und Objekte zu hängen sowie Performances vorzubereiten. Ab 20 Uhr wurde das Hotel für das Publikum geöffnet, das durch die Gänge des Hotels schlendern und die zum subjektiven Kunstraum umfunktionierten  Hotelzimmer besichtigen konnte. Am darauffolgenden Tag haben die Künstler wieder ausgecheckt, ohne sichtbare Spuren in den Zimmern zu hinterlassen. Das Hotel verwandelte sich vom Kunstevent wieder zur „gewöhnlichen“ Unterkunft für neue Gäste.

In Spondinig waren nicht nur Kunstschaffende der Bildenden Kunst, sondern auch aus den Bereichen Design, Architektur und Literatur vertreten. Wurde diese Vielfalt bewusst gewählt?
Wir waren nicht nur in Spondinig, sondern sind generell sehr vielseitig unterwegs. Dazu trägt insbesondere die Tatsache bei, dass zu unseren Mitgliedern nicht nur bildende Künstler, sondern auch Designer, Architekten, Musiker und Literaten zählen. Diese Vielfalt ist eine Besonderheit des Südtiroler Künstlerbundes, ein Überbleibsel aus der Nachkriegszeit, als im August 1946 der Künstlerbund als Vereinigung deutsch- und ladinischsprachiger Künstler gegründet wurde. Heute kommt uns diese Mischung der Disziplinen zugute, denn junge Künstler wollen nicht mehr in eine Schublade gedrängt werden. Die Bereiche überschneiden sich, gerade auch bei den Performancekünstlern. Auf der Suche nach Innovation entwickelt sich vieles gleichzeitig in ganz verschiedene Richtungen. Auch die Generationenvielfalt, von Alt bis ganz Jung, innerhalb des Künstlerbundes ist groß. Dementsprechend schwierig ist es, alle Interessen unter einen Hut zu bringen.

Wo liegen – abgesehen von der Interessensvertretung – die Tätigkeitsschwerpunkte?
Die Aufgabe des Südtiroler Künstlerbundes besteht darin, das ganze Jahr über ein spannendes Ausstellungs- und Projektprogramm für die Mitglieder – etablierte Künstler ebenso wie junge Talente – zu gestalten. Dazu finden in der hauseigenen Galerie Prisma Ausstellungen von Mitgliedern statt. Hinzu kommt jedes Jahr eine Architekturausstellung sowie eine Austauschausstellung, die 2010 mit dem Burgenland organisiert wird. In den über 60 Jahren seines Bestehens hat der Südtiroler Künstlerbund vielen Künstlern zu einer ersten Plattform verholfen. Zudem sind wir an vielen Koproduktionen beteiligt und arbeiten im Ausstellungsbereich mit Schloss Kastelbell, dem Ansitz Rosengarten in Lana, Schloss Bruneck, der Stadtgalerie Brixen und vielen anderen Galerien zusammen.

Sie haben die jungen Talente angesprochen. Hat Südtirol genügend Künstlernachwuchs?
Südtirol kennt in dieser Hinsicht derzeit keine Nachwuchssorgen. Wir haben viele junge Künstler, die teilweise aus den entlegensten Gegenden Südtirols stammen, aber weltweit agieren. Wer aus der Peripherie stammt, hat der Welt oft sogar mehr zu sagen und auszudrücken. Das ist ebenso erstaunlich wie positiv. Aber gute Künstler waren immer schon viel auf Reisen. Und wir sind schließlich nicht dazu da, um Nabelschau zu betreiben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem derzeitigen kulturellen Angebot in Südtirol?
In Südtirol sind die Räume, in denen Kultur Platz findet, dichter geworden. Südtirol verfügt über ein dichtes Netz an Galerien und Museen, und das über das ganze Land verteilt. Und während es früher nur den Südtiroler Künstlerbund gab, ist auch die Anzahl der Institutionen, die sich mit Kunst und Kultur in allen ihren Formen beschäftigen, gewachsen. Für ein kleines Land wie Südtirol hat sich erstaunlich viel getan.

Gibt es Wünsche an die Politik bezüglich der Südtiroler Kulturlandschaft?
Unser Appell an die Politik lautet, in Zeiten kleiner werdender Budgets nicht bei der Kultur zu sparen. Wir hoffen, dass wir auf dem jetzigen Niveau weiterarbeiten können. Insgesamt kann sich Südtirols Kulturlandschaft nicht beklagen, von der öffentlichen Hand wird viel gefördert. Und Künstler, die sich anstrengen, gelangen auch zum Erfolg. Denn dazu ist sicherlich beides nötig: die Bereitschaft der Institu­tionen und das Engagement der Künstler.

Nach einer Phase der Überhitzung hat sich der Kunstmarkt wieder etwas beruhigt. Welche Auswirkungen zeigt die Wirtschaftskrise?
Eine Entwicklung, die sich derzeit beo­bachten lässt, ist, dass der Mittelstand, der früher zu den verschiedensten Anlässen Bilder gekauft hat, nahezu zur Gänze ausgefallen ist. Zu Geburtstagen, Hochzeiten etc. werden einfach keine Bilder mehr verschenkt. Die Prestigeobjekte haben sich verschoben. Und seit es Ikea gibt, kaufen viele sogar ihre Bilder dort. Um hier sensibilisierend zu wirken, werden wir vor Weihnachten eine besondere Aktion starten.

Wie wird diese aussehen?
Am 17. Dezember werden wir in Bozen eine Auktion mit jungen und noch unbekannten Südtiroler Künstlern organisieren. Alle Objekte werden zum selben niedrigen Ausrufungspreis von 300 Euro angeboten. Das soll es einer möglichst breiten Schicht von Menschen erlauben, vor Weihnachten Kunstwerke zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben. Der Erlös geht an die Künstler. Und um richtig Lust auf Kunst zu machen, wird die Auktion, bei der es sich um die erste des Südtiroler Künstlerbundes handelt, von einer künstlerischen Performance umrahmt.

Danke für das Gespräch.




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