Partielle Amnesie?
15.02.2010 - Ausgabe 1/2010 - von Gerhard Weissenberger
Kärnten is‘ a Wahnsinn! Stimmt. Doch wer angesichts der unappetitlichen Geschehnisse rund um die Hypo Alpe Adria meint, dass sich die banktechnisch Wahnsinnigen lediglich rund um den Lindwurm versammeln, der irrt. Auch die 1972 gegründete, zweitgrößte deutsche Landesbank machte mehr durch Flops denn durch Erfolge auf sich aufmerksam.
Übung macht den Meister. Sollte man meinen. Für die Paradebanker an der vornehmen Münchner Adresse Bienner Straße 18 ist ein Notausstieg aus Auslandsengagements nicht nur graue Theorie, sondern gelebte Praxis. Ein Buch über die Erfolge der Bayrischen Landesbanker wäre vom Umfang her wohl nicht wesentlich umfassender als jenes über italienische Heldensagen. „Zurück zu den Wurzeln“, war 2001 die Devise des damaligen Vorstandsvorsitzenden Werner Schmidt, als sich die Bayern LB von ihren Auslandsgeschäften trennen und sich wieder auf ihr Kerngeschäft als Dienstleister der bayerischen Sparkassen besinnen wollte. Das Fleisch war willig, aber der Geist war schwach.

Der Wahnsinn hat Methode. Im Unternehmerparadies bedarf es keiner Kontrolle. Die Verantwortlichen handeln uneigennützig, zum Wohle aller. Sie sind vorausschauend, weitblickend, kompetent und 100 Prozent fehlerfrei. Gerade in Krisenzeiten besinnt sich die Finanzbranche auf ihre alten Tugenden: Bescheidenheit, Solidität, Vertrauen, Regionalität und Nachhaltigkeit. Die Bayern LB stellt sich dabei schon seit Jahren besonders einfallsreich an und hofft, dass auch diesmal nach dem Rauschen im Blätterwald alles beim Alten bleibt. Doch die friedlichen Zeiten für die Männer im Hintergrund, die Nieten im Séparée, scheinen vorbei. Die Bayrische Landesbank wird zum imagemäßigen Supergau für die in den letzten Jahren erfolgsverwöhnte CSU.
Von ehrgeizigem Größenwahn getrieben wollte man an der Isar lieber am ganz großen internationalen Rad drehen, anstatt daheim Mittelständler zu finanzieren, wie es eigentlich Kernaufgabe einer Landesbank gewesen wäre. Stoiber sei äußerst interessiert daran gewesen, der Landesbank möglichst renditeträchtige Geschäfte zu ermöglichen, hört man mittlerweile von CSU-Mitgliedern, die die Wirtschaftskompetenz ihrer Partei in Gefahr sehen und daher darauf bestehen, ihre Namen nicht in der Presse zu lesen. Glaubt man den Geschäftsberichten, spülte das Geldinstitut bis 2007 jährlich an die 60 Millionen Euro in die Kassen der Eigentümer, je zur Hälfte der Freistaat und der bayrische Sparkassenverband. Angesichts solcher Geldflüsse bedeuteten die millionenschweren Fehlschläge wie bei Mega Petrol, Herlitz, Leo Kirch, Walter Bau und Philip Holtzmann lediglich einen „zu vernachlässigenden schwarzen Fleck“ auf der blau-weißen Bankerweste. Auch den Bilanzfälschern von Enron und Worldcom ging man auf den Leim.
So nebenbei verzockte man 1999 in Asien unfassbare 1,3 Milliarden D-Mark. Zu diesem Zeitpunkt saß bereits Ex-CSU-Chef Erwin Huber im Verwaltungsrat und fungierte als Vorsitzender des Kontrollorgans. Kritische Stimmen zu diesen Skandalen waren den blau-weißen Bankiers und ihren politischen Amigos schlichtweg „schnurz“. Was sagt der Bayer in diesem Fall? „Seis wias sei, stiabt d´Kua bleimbt d´Säu.“ Klingt komisch, ist aber so.

Das Balkan-Desaster. Während man sich 2001 aus dem 45-prozentigem Engagement bei der Tiroler Sparkasse zurückzog, entdeckte man in den osteuropäischen Ländern zeitgleich ein vorzügliches Terrain, um endlich in die Champions League der Geldhäuser aufzusteigen. Vom kroatischen Staat erwarb man die Mehrheit an der drittgrößten Bank des Balkanstaates, der Rijecka Banka. Brancheninsidern zufolge sammelten die Finanzgenies aus der Bienner Straße während ihres zweijährigen Balkanabenteuers Abschreibungen in der Höhe von 100 Millionen Euro ein. Für einen symbolischen Euro nahm die kroatische Regierung letztlich das Institut zurück, sanierte und verkaufte es schließlich um 100 Millionen Euro an Andreas Treichls Erste Bank. Eine Leiche, die Jahre später wieder auftauchen sollte.
Wie der erfahrene CSI-Seher dank Lt. Horatio Caine weiß, haben Leichenfunde den negativen Beigeschmack erst einmal unangenehm zu riechen. Und ebenso garantiert ist der Reflex der Betroffenen: „Ich habe mit dieser Leiche nichts zu tun!“ Nicht anders verhalten sich die Stoibers, Seehofers, Hubers, Fahrenschons, Sanaders, Dörflers, Martinz´, Scheuchs, Berlins und Konsorten. Willkommen im Club der Ahnungslosen. So sitzen beispielsweise im elfköpfigen Verwaltungsrat der Bayern LB der Finanz-, der Innen- und der Wirtschaftsminister sowie ein hoher Beamter des Finanzministeriums. Das doppelte Stimmrecht der vier Regierungsmitglieder sorgt dafür, dass diese nie überstimmt werden können. Seehofer findet das durchaus „in Ordnung“, ist für ihn das Quartett doch „der Treuhänder des Steuerzahlers“. Der Balkan scheint ein nicht unerhebliches Stück nach Norden gerutscht zu sein.





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