Lernen aus Misserfolgen
15.12.2009 - Ausgabe 12/2009 - von Gerhard Weissenberger
Europas führender Kriminalpsychologe, Dr. Thomas Müller, sprach vor über 300 Volksbankkunden über kriminalpsychologische Aspekte in der Wirtschaft. Über deren Entstehung, Hintergründe und Prävention. Fazit: Wer Erfolg haben will, muss auch einmal „floppen“.
Wenn er eintritt, wird die Luft dünner, der Geräuschpegel, der sich aus der angespannten Erwartung des Kommenden speist, sinkt hörbar und sämtliche Blicke wenden sich zur Tür. Denn er kommt nicht einfach „nur herein“ – er tritt ein. Aber ohne große Glocke und Fanfarenklänge. Eine beeindruckende Erscheinung, die das Rednerpult nicht als schützende Barriere gegen das Publikum braucht, sondern mehr als Ablagefläche. Er genießt diese Augenblicke sichtlich und hat es nicht notwendig, seine internationale Kompetenz durch amerikanisch eingefärbten Slang à la Arnie unter Beweis zu stellen. Sein Innsbrucker Dialekt macht den ehemaligen Polizisten von Beginn an ebenso authentisch wie sympathisch und zieht die Zuhörer nahezu magisch in seinen Bann.
„Die Zeiten sind härter geworden. Die Anforderungen im beruflichen Umfeld steigen, Rationalisierung, Fusionen, dadurch fehlende Identifikation, Stresssituationen, die sich ins Privatlebern verlagern und sich über kurz oder lang sowohl auf die physische als auch psychische Konstitution niederschlagen und so zu unausgesprochenen Ängsten und Blockaden führen, die Erfolge verhindern“,  steigt Müller gleich voll ins Thema ein. Und er holt weiter aus: „Zugleich steigt die Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes – Angst vor Jobverlust, damit einhergehende – meistens nur gefühlte – Geringschätzung durch die Umwelt, Imageverlust und sinkendes Selbstwertgefühl. Es geht um Menschen – vom Arbeiter bis zum Spitzenmanager – die am Arbeitsplatz und parallel in ihrem Privatleben irgendwann keinen Ausweg mehr sehen und in weiterer Folge destruktiv werden“, beschreibt Müller die Entwicklung einer Negativspirale. Klassische Befreiungsstrategien seien Neurosen, außerpartnerschaftliche Verhältnisse und nicht zuletzt Drogen, die letztendlich auch in einer Sackgasse enden: Er gibt Einblick in seine Erfahrungen.
Als Psychologe setzt Müller auf Prävention und Kommunikation: Ein positiveres und offeneres „Miteinander“ wäre sinnvoll, allein die – ernst gemeinte –  Frage „kann ich irgendwie helfen“ könne oft Wunder wirken. Man müsse sich mehr Zeit nehmen. „Es stimmt schon, dass der Druck in der Arbeitswelt zunimmt, aber ich bin fest davon überzeugt, dass auf der anderen Seite vernünftige Kommunikation abnimmt. Dafür nimmt die Anzahl der Ebenen der Kommunikation zu, und wir können das nicht mehr abarbeiten. Mit E-Mail, Handy, Fax und so weiter haben wir ein Überangebot von Information und die Frage ist, sind wir überhaupt in der Lage, dieses Überangebot psychologisch abzuarbeiten“, nennt er das Übel beim Namen und stellt fest, dass viele Menschen versuchen, ihre psychologischen Fähigkeiten an die technische Geschwindigkeit anzupassen und dadurch oberflächlicher werden. So komme es zum Phänomen, das Ursache, nicht Wirkung ist: dem Kommunikationsabbruch. „Das führt zu Angst, und aus Angst entsteht Aggression. Es haben schon Kriege begonnen, weil die Kommunikation beendet wurde. Ich bin kein Gegner moderner Kommunikationsmittel, aber die Technik darf nie Ersatz für klassischen Kommunikationsformen sein, obwohl dass sehr verführerisch ist“, führt er weiter aus, um in der gleichen Gangart fortzufahren: „Früher haben Kollegen an die Bürotür geklopft und gefragt, ob man gemeinsam Mittagessen geht. Heute wird ein E-Mail geschrieben. Aus dieser Bequemlichkeit entsteht ein Mangel an negativen Rückmeldungen. Und ich werde ja nicht weiser, indem ich ständig Erfolg habe, sondern indem ich lerne, mit Misserfolg umzugehen. Wir leben heute in einer Art Reset-Gesellschaft: Wenn es nicht funktioniert, drück ich auf einen Knopf und fange von vorne an. Den Computerspielen die Schuld zugeben, geift zu kurz. Die Verantwortlichen sollten Spiele machen, wo man mit den Folgen seiner Entscheidungen direkt konfrontiert ist“, zeigt Müller auf, dass die Lösung vieler Probleme im Grunde genommen recht einfach wäre.




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