Kurieren statt beerdigen
15.02.2010 - Ausgabe 1/2010 - von Gerhard Weissenberger
Die Bankenwelt lässt grüßen: Dubiosen Großkrediten, die entsprechende Renditen versprechen, hechelt man nach, bei Finanzierungen im Mittelstand wird man immer kleinlicher. Unternehmer, denen mangels Sicherheiten der Geldhahn zugedreht wird, wissen ein Lied davon zu singen. Davor schützt nur ein langfristig angelegtes Cash-Management. Und das ist in erster Linie Aufgabe des Unternehmers.
Die Krise hinterlässt auch in Tirols Klein- und Mittelbetrieben ihre Spuren, wenn auch Walter Hintringer vom KSV Tirol darauf hinweist, dass „in Tirol lediglich zwei Unternehmen wegen der Wirtschaftskrise Konkurs anmelden mussten“. Nichtsdestotrotz ist man sich beim KSV sicher, dass der Pleitegeier 2010 wohl noch einiges an Beute schlagen wird. Er beruft sich dabei auf die langjährige Erfahrungen des Gläubigerschützers: „Da Wirtschaftsflauten einen zweijährigen Nachzieheffekt haben, wird die Krise erst 2010 voll durchschlagen“, so der engagierte Sanierungsexperte.

Trügerische Schwalben. Es liegt etwas in der Luft. Wie bei einem heraufziehenden Unwetter, wenn sich der Himmel leicht verdunkelt, erste Sturmböen die Bäume biegen und sich ein leichter Druck auf die Schläfen legt. Ein bedrohliches, aber ungreifbares Unbehagen plagt derzeit viele Unternehmer. Die Meisten haben das Gefühl, dass etwas erheblich schief läuft. „Wir laufen zurzeit Gefahr, jeden noch so zarten Impuls einer wirtschaftlichen Erholung gleich wieder abzuwürgen, ohne es zu merken. Natürlich sollte man sich über jede Schwalbe freuen, aber zu glauben sie kündige schon den Sommer an, wäre ein fataler Irrtum. Meines Erachtens stecken wir noch im tiefsten Winter“, verleiht Steuerberater Rainer Loacker seinem Gefühl Ausdruck. Die größte Gefahr, die vom Bankensystem ausgeht, sieht der studierte Diplomvolkswirt nicht in den Risiken, die der Staat den Banken abnimmt, als mehr in den Banken selbst, die nicht genügend Mittel zur Verfügung stellen, wenn diese von Unternehmen gebraucht werden.
Bestätigung findet seine Vermutung durch die Aussage eines Bankmanagers, der mit einer ungewöhnlich deutlichen Aussage aufhorchen lässt: „Legt man einer Bonitätsprüfung konsequent die Basel II Kriterien zu Grunde, befindet sich aktuell beinahe jedes achte Unternehmen in Schwierigkeiten“, ortet er in den kommenden Unternehmensbilanzen erhöhtes Gefahrenpotential, zumal bei vielen Betrieben die Kennzahlen unter den geforderten Werten von einer achtprozentigen Eigenkapitalquote und einer 15-jährigen Schuldtilgungsdauer liegen.
Nun muss man weder Volkswirt noch Bankinsider sein, um nachvollziehen zu können, dass die Geldverleiher immer vorsichtiger bei der Kreditvergabe werden, wenn sich das Konjunkturklima allgemein verschlechtert. Alle tragen sie Unschuldsminen, untermauert durch die klassischen Insignien der Unauffälligkeit – dunkler Anzug, helles Hemd, einfärbige Krawatte. Das Abtauchen in die Schuldlosigkeit könnte glatt gelingen, wäre da nicht das grelle Licht der Krise, das die Schwächen des Systems bis in die letzten Winkel der Bankbilanzen erleuchtet. In einer derartigen Situation erinnert man sich nur mehr selten an die Bemühungen und Versprechungen, die einem Kunden noch vor einem oder zwei Jahren zuteil wurden. Kommt dann noch eine Schwäche der jeweiligen Branche hinzu, in welcher der Geschäftskunde sein Tätigkeitsfeld hat, wird es häufig noch enger: Die Maßnahmen reichen von Verstärkung der Sicherheiten über unangekündigtes Kürzen der Kreditlinien bis hin zur möglichen Kündigung der Geschäftsbeziehung. Frei nach dem Motto: „Gutes Geld sollte schlechtem nicht hinterher geworfen werden“.

Augen zu und durch. Als passionierter Sportwagenfahrer müsste Konrad Krieger (Name von der Redaktion geändert) das Gefühl eigentlich kennen: Kaum beschleunigt man auf eine sportliche Geschwindigkeit, wechselt plötzlich jemand unvermittelt die Spur und bremst einen aus. Mit seinem kleinen Bauunternehmen fuhr der 42-jährige HTL-Ingenieur auch lange Zeit auf der Überholspur. Bis ihn kurz vor Weihnachten 2009 seine Bank in die Quere kam.
Am Montag dem 14. Dezember erhält er einen Anruf von einem langjährigen Lieferanten, „warum denn die Lastschrift von der Bank zurückgebucht worden sei?“. „Ein Irrtum“, dachte sich der zweifache Familienvater und nahm sofort Kontakt mit seiner Bank auf. Doch zum zuständigen Betreuer, mit dem ihn eine jahrelange unkomplizierte Zusammenarbeit verband, kam er nicht durch. Von der Sekretärin des Zweigstellenleiters bekam er höflich aber bestimmt die Auskunft, dass „alles seine Richtigkeit habe und es bei der Rückbuchung bleibe“. Krieger versteht die Welt nicht mehr: „Wir waren liquide, hatten unsere Kreditlinie nicht ausgeschöpft und Verbindlichkeiten im branchenüblichen Ausmaß.“ Das Kennzahlenbild sprach aber aus Bankensicht eine gegenteilige Sprache. Der rasch eingeschaltete Steuerberater konnte nicht viel erreichen. Im Gegenteil, die Bank droht mit dem Abbruch der Geschäftsbeziehung, wenn nicht umgehend weitere Sicherheiten beigebracht werden oder die Kreditlinie auf ein bestimmtes Maß zurückgefahren werde. Beides war in der Kürze nicht machbar.
Gott sei Dank folgte der Unternehmer vor drei Jahren dem Rat eines befreundeten Branchenkollegen und baute sich eine so genannte Zweitbankverbindung auf. Diese übernahm anstandslos die in Diskussion stehenden Rechnungen. Auf Empfehlung des Steuerberaters setzte sich Krieger noch vor Weihnachten mit einem erfahrenen Unternehmensberater zusammen, der ihn nach einer rasch durchgeführten Kurzanalyse, die im Wesentlichen auf den geforderten Basel II Kennzahlen beruhte, das Verhalten der ersten Bank zumindest darstellen konnte. Der Unternehmer musste zur Kenntnis nehmen, dass eine fachgemäße und einwandfreie Abwicklung seiner Aufträge in Zeiten der Finanzkrise alleine nicht mehr ausreicht, um ein „gerngesehener Bankkunde“ zu sein. Unter extremem Zeitdruck wurden der vorläufige Jahresabschluss erstellt, Business­pläne erarbeitet und ein Strategiepapier entworfen. „Im Extremfall müssen derartige Unterlagen innerhalb weniger Tage vorliegen“, erklärt Unternehmensberater Andreas Wallner den dringenden Handlungsbedarf, zumal in der Beratungspraxis festzustellen ist, dass Kreditanträge zunehmend abgelehnt und/oder die Bearbeitung des Antrages verschleppt werden. Auch bei staatlichen Förderprogrammen ließe die Hilfestellung der Banken entgegen den Ankündigungen der Politik zu wünschen übrig.





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