Kunst, in Zellen gebannt
15.12.2009 - Ausgabe 12/2009 - von Mag. Christof Mergl
Cella schickte den Besucher in die Zelle. Das ambitionierte und ungewöhnliche Projekt reduzierte ein römisches Gefängnis aber nicht zum einfachen Ausstellungsort, sondern machte die Räumlichkeit selbst zum Kunstobjekt. Die ganzheitliche Konzeption, die noch einen Workshop in Innsbruck umfassen wird, ließ Ausgrenzung erleben - und endete in Rom in einem Skandal.
Staunen, nachdenken, erleben. „Cella - Strukturen der Ausgrenzung und Disziplinierung“ thematisiert die damit verbundenen Fragen in jeder menschlichen Gesellschaft. Und es verdeutlicht Ausgrenzung und Disziplinierung als Struktur der modernen Welt. Passend im Gedenkjahr 2009, denn damit steht Cella unmittelbar in Zusammenhang, auch wenn der Hauptteil der Inszenierung nicht in Tirol, sondern bereits in Rom stattfand. Initiiert wurde das Projekt vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck, der Organisator und Kurator ist Prof. Christoph Bertsch, Mag. Silvia Höller heißt die Mitkuratorin.

Ungewöhnliche Location. Trastevere nennt sich der römische Stadtteil, in dem der Ausstellungsort liegt. Der Gebäudekomplex des Complesso Monumentale di San Michele a Ripa Grande - so der vollständige Name - geht in seiner Urform bereits auf das späte 17. Jahrhundert zurück. In den Jahren 1701 bis 1704 wurde das noch nach alten Mustern errichtete Zuchthaus um einen für die damalige Zeit revolutionären Neubau erweitert. Die so genannte „Casa die Correzione“ wurde ein Jugendgefängnis und erstmalig in der heute üblichen Zellenstruktur (als Grundrisslösung) gebaut. Abgrenzung und Isolation wurden hier als Züchtigungsmaßnahmen neu definiert. Interessantes Detail am Rande: Im Jugendgefängnis war eine Textilmanufaktur eingerichtet, in der die Inhaftierten im Sinne der gesellschaftlich gewünschten Normierung zwangsarbeiten mussten. Die Qualität der Produkte war aber so hoch, dass Textilfabriken in der Umgebung schließen mussten, weil sie mit dem hohen Standard nicht konkurrieren konnten. Vielleicht verdeutlicht allein dieser Umstand die Vielzahl möglicher Pers­pektiven, aus denen das Thema Isolation betrachtet werden kann.

Rege Teilnahme und ein Skandal. Insgesamt 38 international renommierte Künstler/-innen haben sich an die schwierige Thematik gewagt. Zwischen 6. und 28. November sollten ihre Objekte die einzelnen Zellen und das Refektorium belegen - nach Geschlecht getrennt, um die beklemmende Struktur der Ausgrenzung nicht nur in den Arbeiten erlebbar zu machen. Die Palette war breit gefächtert, Videoarbeiten, Installationen, Fotographien oder Plastiken wechselten sich ab. Nur die inhaltliche Ausrichtung stand als Rahmen im Vordergrund. Die Wechselwirkung zwischen Werken und Ort sollte herausgehoben werden, um Zusammenhänge und Brüche deutlich zu machen.
Am 23. November, kurz vor dem Ende, wurde die sehr erfolgreiche Ausstellung allerdings von der italienischen Polizei geschlossen. Grund war das Projekt des  Künstlers Flatz, der eine Zelle drei Wochen lang bewohnen wollte. Die Behörden hatten dies mit Blick auf die Sicherheit untersagt. „Zwei Wochen lang war dies kein Problem und nun wurden wir mit Beginn der dritten Woche mit dieser massiven Intervention seitens des italienischen Staates konfrontiert“, so Bertsch fassungslos. Ihm blieben zwei Tage, das Gefängnis zu räumen - eine logistische Unmöglichkeit.

Fächerübergreifendes Konzept. Neben der Kunstausstellung wird die zweite Hälfte des Projektes aber trotzdem in Innsbruck über die Bühne gehen, in Form eines interdisziplinären Workshops, der von 21 Wissenschaftler/-innen der verschiedenen Richtungen getragen wird. Zwischen 21. und 23. Jänner 2010 wird an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck intensiv das Thema Cella und seine Bedeutung analysiert und reflektiert. „Bei diesem Workshop wird auch der größte Teil der Künstler anwesend sein. Durch diesen massiven Eingriff in die Freiheit der Kunst gewinnt er zusätzlich an Bedeutung“, meint Prof. Bertsch. Der Eintritt ist dabei frei.

Ein Teil des Gedenkjahres. Anlässlich der Präsentation von Cella betonte Universitäts-Vizerektor Prof. Tilmann Märk die wichtige Bedeutung des Projektes: „Wir sind nicht nur für die Forschung zuständig, sondern auch für die Entwicklung der Künste. Unsere Forschungserkenntnisse müssen einem Nutzen zugeführt werden und dieses Projekt zeigt klar auch seine wissenschaftliche Seite.“ Kulturlandesrätin Dr. Beate Palfrader hob vor allem die enge Einbindung in den Gesamtkontext des Gedenkjahres 2009 hervor: „Cella ist ein Tiroler Projekt des Gedenkjahres, auch wenn es zum Teil in Italien stattfindet. Das Thema Ausgrenzung muss man heute im überregionalen und internationalen Rahmen sehen und thematisieren.“ Prof. Bertsch zeigte sich über die Unterstützung in hohem Maße zufrieden: „Ich bedanke mich bei den Sponsoren, allen voran die Hypo Tirol Bank. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen. Außerdem freut mich, dass das Land Tirol 60.000 Euro beigesteuert hat, obwohl das Projekt zu einem erheblichen Teil im Ausland stattfindet. Auch dass die Universität so ein Projekt mitfinanziert, zeigt mir, dass die Aufarbeitung des Themas wichtig ist und emotionalisiert.“




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